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Donnerstag, 18. Oktober 2012

Visionen des Egon W. Kreutzer

Blühende Landschaften 2.0 . Im Bundestag stehen, während ich das schreibe, Angela Merkel und Peer Steinbrück auf der Bühne. Ein Ritual. Eine Inszenierung. Fast hätte ich diesen Paukenschlag "Rezitativ und Arie" genannt, doch im Grunde bin ich froh, dass am Rednerpult des Bundestages nicht gesungen wird. Letztlich entspricht diese Debatte jedoch durchaus dem Stil der Großen Oper. Das Orchester hat die Themen in der Ouvertüre längst anklingen lassen und dem Publikum in allen denkbaren Tonarten und Instrumentalisierungen nahe gebracht. Man ist eingestimmt. Parteivorsitzende und Hinterbänkler, Regierungs- und Oppositionsmitglieder haben ihre Melodien vorgetragen. Das Fernsehen hat die Stimmen von der Straße aufgefangen und stützend dazugemischt. In der Presse überschlagen sich die Kommentatoren. Dann ein Moment spannungsvoller Stille. Der Dirigent verneigt sich, der Vorhang geht auf. Einsam steht die Sängerin im Scheinwerferlicht. Der Taktstock hebt sich, und glockenhell und rein erklingt ihr Gesang. Neu, an der Neuinszenierung, nach nunmehr gut 20 Jahren ist, dass die Arie von der ruhmreichen Vergangenheit und der goldenen Zukunft, von den großen Erfolgen und von den blühenden Landschaften diesmal nicht vom röhrenden Bass des Helmut Kohl vorgetragen wird, sondern vom weichen Mezzo-Sopran der Angela Merkel. Doch die sanfte Melodie ist die gleiche. Nichts Schrilles, kein Fortissimo, ein echtes Labsal, nah am Wiegenlied. Donnernder Applaus verzögert den Auftritt des zweiten Protagonisten, dessen strahlender Tenor an den Klang der Trompeten aus dem Triumphmarsch aus Aida erinnert, wenn er besingt, wie trotz aller Fehler und Irrtümer der Vergangenheit nun, mit seiner Hilfe, zwar unter bittersten Entbehrungen, der Weg ins Paradies gebahnt werden könnte. Ein langer Leidensweg stehe noch bevor, tönt er, und trifft damit genau den Ton, den vor zwanzig Jahren Oskar Lafontaine anschlug, als er vorrechnete, wie viel es kosten und wie lange es dauern würde, bis die Vision von den blühenden Landschaften Realität werden könnte. Kaum ist sein letzter Ton verhallt, schrammelt das Orchester furios drauflos. Zitiert wild durcheinander Passagen und Tonfolgen aus beiden Arien, und löst das Chaos nach und nach in eine stille Duldsamkeit auf. Beide Themen erklingen nebeneinander und verweben sich zum Kanon, in dessen leises Verklingen sich Zitate aus Beethovens Ode an die Freude einschmiegen, schließlich haben alle zusammen gerade den Friedensnobelpreis in den Schoß gelegt bekommen. Wie gelungen die "Deutsche Einheit" tatsächlich ist, habe ich im vorletzten Paukenschlag versucht, darzulegen. Nun wird das Stück, im größeren Rahmen, wieder aufgeführt. Die voreilige Einführung der DM im Beitrittsgebiet hat die Wirtschaft der Beitrittsländer ruiniert und das Inventar via Treuhand den lauernden Glücksrittern in die Hände gespielt. Die voreilige Einführung des Euro in weiten Teilen des Wirtschaftsraumes der EU hat die Wirtschaft vieler Euro-Länder ruiniert, und das Inventar via Brüsseler Spardiktat den lauernden Glücksrittern in die Hände gespielt. Und während die neuen Bundesländer weiter per Länderfinanzausgleich und Sondersteuer am Tropf der alten Bundesländer und des Bundes hängen, hängt inzwischen halb Europa am Tropf einer Vielzahl sonderbarer Organisationen, die - noch nur überwiegend - bald wahrscheinlich aber vollständig, am Tropf der Bundesrepublik Deutschland hängen. Kein Wunder, dass Angela Merkel und Wolfgang Schäuble die Gunst der Stunde nutzen und die Durchgriffsmöglichkeiten der Kommission auf die Haushalte der Mitgliedsstaaten in Richtung Zwangsbewirtschaftung und Finanzdiktatur stärken wollen. Sie müssen, wollen sie nicht am Ende Deutschland ausgeblutet hinterlassen, daran arbeiten, ein "deutsches Europa" zu schaffen. Ein Europa, in dem ganze Staaten, wie in Deutschland viele Kommunen, unter Zwangsverwaltung gestellt werden können. Ein Europa, in dem Renten und Sozialleistungen jederzeit nach Kassenlage verändert werden können. Ein Europa, in dem Banken, Versicherungen, Energiekonzerne und die Großindustrie über den Lebensstandard und die Arbeitsbedingungen der Menschen bestimmen. Ein Europa, in dem Gewerkschaften kuschen und Generalstreiks überall verboten sind. Ein Europa, in dem alle Medien in das Hohe Lied der Alternativlosigkeit einstimmen und in dem die Fallmanager so lange Sanktionen verhängen, bis der Ehrliche verhungert und der kriminell Gewordene eingesperrt ist. Ein Europa, in dem die Totalüberwachung der Bürger so selbstverständlich ist, wie die Allgegenwart genmanipulierter Nahrungsmittel. Nur so kann es gelingen, diesen wettbewerbsfähigsten Wirtschaftsraum der Welt zu schaffen, von dem die EU seit langem nicht nur träumt, sondern Tag für Tag daran arbeitet. Und erst, wenn dieser wettbewerbsfähigste aller Wirtschaftsräume mit seinen konkurrenzlos günstigen Produkten den Weltmarkt überschwemmt, und sowohl die USA als auch China und Japan zu abhängigen Importeuren und Schuldnern gemacht haben wird, wird sich diese EU aus den Fesseln der Finanzmärkte lösen können, die dann von sich aus wieder massiv in den Euro investieren und stattdessen gegen andere Währungen dieser Welt spekulieren werden. Ein schöner Plan. Ein ehrgeiziger Plan. Ein alternativloser Plan. Ein törichter Plan. Töricht, weil er nicht die auf tönernen Füßen stehende Macht der Finanzmärkte als den eigentlichen Feind bekämpft und sie vom Sockel ihres parasitären Daseins stößt, sondern die Finanzmärkte als wichtige Verbündete ansieht, deren Vertrauen um jeden Preis erhalten werden muss. Töricht, weil er in den Menschen der Mitgliedsstaaten nicht das Potential für den möglichen allgemeinen Wohlstand sieht, sondern sie nur noch als Kostenfaktoren betrachtet, die man - wo immer es geht - beschneiden und kleinhalten und unter Kontrolle halten muss. Töricht, weil er nur ein weiterer Schritt in einem unsinnigen Wirtschaftskrieg ist, der alle Volkswirtschaften dieser Welt in einer tödlichen Spirale immer weiter nach unten treibt, weil er auf den Wettbewerb der Standorte setzt, statt die vorhandenen Potentiale und Synergien in einem freien und fairen Welthandel zu nutzen. Töricht, weil er sich an der Gier der Gierigen orientiert, statt an den Bedürfnissen der Bescheidenen. Töricht, weil er nicht zu Ende gedacht ist. Denn am Ende steht entweder (und hoffentlich so früh wie möglich) das Scheitern dieses Plans, mit einem mehr oder minder überschaubaren Gesamtschaden, mit Bürgerkrieg und Revolution, oder eine Welt, in der "Onkel Toms Hütte" von der Arktis bis zur Antarktis reicht. Töricht, weil die, die ihn in ihren offiziellen Funktionen vorantreiben, nicht nur die Bürger ihrer Staaten, sondern zugleich auch sich selbst entmachten und die ihnen anvertraute demokratische Legitimation für ein Brüsseler Linsengericht verschenken. Keiner der europäischen Regierungschefs hat noch die Macht, über Wohl und Wehe seines Landes zu bestimmen. Kein Bürger, der zur Wahl geht, bestimmt mit seiner Wahl noch die Politik der nächsten Legislaturperiode. Die Farce "Europa-Parlament" wird zur Realität aller nationalen Parlamente. Polit-Eunuchen dürfen nur noch dem zustimmen, was ihnen vorgelegt wird. Die hochgelobte "Schuldenbremse" war der erste Schnitt mit dem Skalpell zur Vorbereitung der Kastration. Mit dem Veto-Recht eines Finanzkommissars unter den Bedingungen der Fiskalunion, den Forderungen des ESM wehrlos ausgesetzt, und unter dem Spardiktat einer allgegenwärtigen, unheiligen Inquisition aus EZB, Kommission und dem Internationalen Währungsfonds, werden Parlamente zur bloßen Ornamentik am Monumentalbau einer entfesselten Finanzdiktatur. Der Vorhang zum ersten Akt ist gefallen. Hinter dem Vorhang wird lärmend umgebaut. Der Dirigent erklimmt unter großem Applaus den erhöhten Platz am Pult. Die Lichter gehen aus. Und mit dem Öffnen des Vorhangs erkennt das entsetzte Publikum, wie sein Europa aussieht, nachdem die Euphorie der Alternativlosigkeit wie ein Kartenhaus in sich zusammengefallen ist. Eine einsame Oboe lässt mit schaurig spitzen Tönen die ersten Takte des Liedes der Moorsoldaten erklingen. Egon W. Kreutzer: http://www.egon-w-kreutzer.de/0PaD%20der%20Aktuelle/Paukenschlag%20am%20Donnerstag.html