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Freitag, 16. August 2013

Ein Auszug aus Günther Wallrafs Rede zum 150 jährigen Bestehen der SPD



"Es gibt Politiker in verschiedenen Parteien, die ich achte. Viele haben das Rentenalter erreicht oder schon überschritten, vielleicht sehen sie auch deshalb oft klarer als manche Jüngere, weil sie nichts mehr zu verlieren, jedenfalls keine Karriere mehr zu gewinnen haben. Wer heute den Mut hat, der nahezu feudalistischen Über-Macht des Kapitals Widerworte zu geben oder gar die Stirn zu bieten, muß mit Anfeindungen und zuweilen auch mit persönlichen Diffamierungen einer bestimmten Presse rechnen oder wird gar nicht erst zur Kenntnis genommen, sondern totgeschwiegen, »links liegengelassen«. Ich wünsche mir einen Politikertypus, der sich nicht den jeweiligen zweifelhaften, oft interessegeleiteten demoskopischen Umfragen unterwirft und nicht Gefälligkeits-Statements absondert, um in den engen Gedankenkreisen von Talkshows zu hamstern. Er sollte Tacheles reden und eindeutig Partei ergreifen. Solche Politiker, für die Nächstenliebe und Solidarität keine Fremdwörter von vorgestern sind, hätte ich gern mehr. Sie sollen die Menschenverächter hart angehen. Hier verlangt es nach Parteilichkeit und Bekennermut für die Ausgegrenzten und nach Visionen, die über das Arrangement der Tagespolitik hinausreichen. Denn das sollten wir nicht vergessen: Die positiven Realitäten von heute, wie zum Beispiel die Gleichstellung der Frau, Kinder- und Minderheitenrechte, Arbeitsschutzgesetze und Umweltschutzbestimmungen waren die oft verspotteten Visionen und Utopien von einst, und unsere heutigen Visionen und Forderungen nach Bewahrung der Natur, Entschleunigung, menschengerechten Arbeitsbedingungen, Arbeitszeitverkürzung müssen die Realitäten von morgen werden, damit es noch eine lebenswerte Zukunft geben kann. Dafür müssen wir gemeinsam mit den Menschen, die guten Willens sind, über Partei- und Standesgrenzen hinweg kämpfen. Der real existierende Kapitalismus hat seine Raubtiermentalität zum alternativlosen Modell erkoren. Es zerreißt das soziale Gefüge. In Spanien, Frankreich, Griechenland proben meist junge Menschen deshalb den Aufstand. Sie wollen das Abrutschen ihrer Gesellschaften in die Barbarei verhindern. August Bebel wäre sicher an ihrer Seite gewesen."

Die ganze Rede in überarbeiteter Form findet man hier : http://www.sopos.org/aufsaetze/51ebd29442870/1.phtml

Über die »Anwälte des Schreckens« und über die Arbeitsbedingungen in Paketdiensten, Callcentern und anderen Branchen berichtet Günter Wallraff in dem Buch »Aus der schönen neuen Welt«, das der Verlag Kiepenheuer&Witsch jetzt in einer Sonderausgabe (384 Seiten, 9,95 €) herausgebracht hat.